Wir sind die Summe unserer Erinnerungen. Stimmen diese aber auch? Haben prägende Ereignisse unserer Kindheit überhaupt so stattgefunden? Unsere Identität ist ein kunstvoll gewebter Teppich aus Erinnerungsfragmenten. Dabei unterlaufen unserem Gehirn ständig Fehler. Und das Tappen in die Erinnerungsfalle hat Konsequenzen: Wir können uns auf unser Gedächtnis nicht verlassen. Aber was bedeutet das konkret? Wenn wir davon ausgehen müssen, dass viele Erinnerungen falsch sind, was hat das für Konsequenzen insbesondere für den Umgang mit belastenden Erinnerungen? Anhand meiner eigenen Erinnerungen möchte ich das herausfinden:

Ich erinnere mich an…

  • meine Rolle des alternden Romeo im Stück Es war die Lerche von Ephraim Kishon. Wie ich rohen Rettich auf der Bühne aß und immer wieder Gedächtnislücken beim Text hatte. Und ich erinnere mich daran, dass ich später erfuhr, man habe mich mitspielen lassen, weil ich das Gymnasium ohne Abschluss verlassen musste. Man wolle mir wenigstens diese Freude lassen.
  • meine freiberufliche Tätigkeit als Dozent einer Arbeitsgelegenheit, obwohl ich der einzige nichtstudierte Bewerber war und über kaum berufliche Erfahrung in diesem Bereich verfügte.
  • eine Tracht Prügel, weil ich wagte in einem Kornfeld zu spielen. Dabei versteckte ich mich dort nur, weil ich nicht heim traute.
  • mein erstes selbstgekauftes Rennrad von Cannondale. Tagespensum: mind. 30 km.
  • stundenlange Spaziergänge in einem ausgetrockneten Bachbett. Immer allein.
  • an die Geburt meiner Kinder mit dem Gefühl des Glücks und der Hilflosigkeit. Beides im stetigen Wechsel.
  • an den fortwährenden Versuch – in erster Linie bei geschlossenen Augen – mich als eine Person zu begreifen und nicht als Ansammlung von Episoden.

Männer leben vom Vergessen – Frauen von Erinnerungen.

T.S. Elliot

Wenn ich sage ich erinnere mich, dann berichte ich von Wahrnehmungen, Bildern und Gefühlen die ich in meinem Körper abgespeichert habe.

Seit etwa 2 Jahren befinde ich mich auf einer Reise. Diese hilft mir dabei, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und neue, positive Erfahrungen zu machen.

Wie das geht? Mit Hilfe passender Menschen, kurzer Etappen mit Verarbeitungspausen und einem Hinweis, den ich bei der Autorin Andrea Böhm gefunden habe:

Man macht sich die Welt unbekannt, indem man die alten Karten im Kopf löscht und sich selbst neue zeichnet.

Momentaufnahmen

Kurze, festgehaltene Erinnerungen; meist ohne Wertung. Diese sind Themen zugeordnet, um sich Vergangenem aus unterschiedlicher Perspektive zu nähern.

Alle Fotos stammen vom Autor selbst.